Feigenknödel

Feigen als Schweinefutter? Glaubt man dem arabischen Gelehrten Ibn Butlan aus dem 11. Jahrhundert kann die Leber eines Schweines, das mit Feigen gemästet wurde, nur von besonders feiner Gänseleber übertroffen werden. Doch eigentlich sind die süßen Früchte für das liebe Vieh viel zu schade, sind sie doch nicht nur wohlschmeckend und nahrhaft, sondern auch noch gesund und lassen sich zu vielen Leckereien verarbeiten – eine davon findet sich am Ende dieses Beitrags.

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In der mittelalterlichen Humoralmedizin werden der Feige die Eigenschaften heiß und trocken oder vereinzelt auch – im Falle von frischen Feigen – heiß und feucht zugeschrieben, weshalb sie als besonders gut für Personen mit kalter Komplexion und ältere Menschen galten. Letztere könnten auch im kosmetischen Sinne vom Genuss der Früchte profitieren, zumindest laut dem Buch der Natur: Dort schreibt Konrad von Megenberg im 14. Jahrhundert in Berufung auf Isidor von Sevilla, dass alten Leuten bei regelmäßigem Genuss von Feigen die Runzeln vergingen, da sie die überschüssige Feuchtigkeit aus dem Körper zwischen die Haut und das Fleisch zögen und so die Falten ausfüllen würden.

In der Medizin fanden die Früchte vor allem Verwendung in Rezepten gegen Husten sowie in Pestarzneien. Außerdem wurden sie ob ihres süßen Aromas als Geschmackskorrektur für Arzneimittel eingesetzt, wie auch die folgende Textstelle aus dem Admonter Bartholomäus, einem Medizinbuch aus dem 15. Jahrhundert illustriert:

Item wer der pillule von pittrichkait wegen nicht also slinden mag, der nem vnd slind sew in veigen oder in oblaten oder mit einem gúten wein oder mit met.

Wer die Pille wegen ihrer Bitterkeit nicht schlucken möchte, der nehme und schlucke sie in einer Feige oder in einer Oblate oder mit gutem Wein oder mit Met.
(Admonter Bartholomäus, 17vb)

Den zuckersüßen Geschmack machte man sich auch in der Küche zunutze, wovon zahlreiche Rezepte in deutschsprachigen Kochbüchern zeugen. Häufig in Kombination mit Rosinen dienten Feigen als Basis für zahlreiche süße Speisen wie Muse, Knödel, Krapfen oder Gelees, aber auch als Bestandteil von Fleischgerichten. Durch die Kombination mit Nüssen und Mandeln glaubte man die (ver-)stopfende Wirkung der Früchte ausgleichen zu können.

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Wenngleich bereits im Mittelalter vereinzelte Quellen vom Versuch berichten, Feigenbäume in unseren Breiten zu kultivieren (eventuell als Kübelpflanze), gedeihen die Früchte damals wie heute am besten in wintermilden Gegenden, z.B. im gesamten Mittelmeerraum, wo sie im besten Falle dreimal im Jahr Früchte tragen. Trotz des wahrscheinlich relativen hohen Preises für den Import belegen zahlreiche archäologische Funde sowie die vielen medizinischen und kulinarischen Nennung eine weite Verbreitung der Feige in ganz Mitteleuropa, die als Süßungsmittel auch als Ersatz für Honig fungiert haben könnte.

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Mittelalterliche Feigenknödel

Auch in der Kochrezeptsammlung unseres Grazer Hausbuchs Ms 1609 findet sich etliche Feigenrezepte, unter anderem das folgende auf den Blättern 16v bis 17r:

[I]Tem will dw machen von veygen vnd von weinper so nymb sye vnd wasch sy von erst vnd stoes dar nach in einem moersaer vnd mach dar nach chueglen dar aus geleich als air vnd mach dar nach ein taiglin an mit wein vnd gilb das taigel vnd thue die chuegel dar ein vnd pachgs dar nach in oel oder in smalcz vnd gbuercz sye von ersten etc.

Ebenso: Willst du [Knödel] aus Feigen und Rosinen machen, so nimm diese, wasche sie, zerstoße sich danach im Mörser und mache Kugeln daraus, die einem Ei gleichen. Mach danach einen Teig mit Wein und färbe ihn gelb und gib die Kugel hinein und backe sie danach in Öl oder in Schmalz und würze sie.

Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern der NMS Wildon sowie der HLW Schrödinger haben wir uns vor einiger Zeit an das Rezept gewagt und folgende moderne Version zum Nachkochen erstellt:

Zutaten für 12 Knödel

  • 15 getrocknete Feigen
  • ein kleines Päckchen Rosinen (ca.150g)
  • 300g Mehl
  • 2 Eier
  • Wasser
  • Öl
  • Safran
  • Zimt & Zucker.

Zubereitung

  1. Feigen und die Rosinen zerkleinern, vermischen und zu 12 etwa tischtennisballgroßen Kugeln formen.
  2. Eier verquirlen und mit dem Mehl vermengen. Safran in etwas Wasser geben und mit der Ei-Mehl-Mischung verkneten. Anschließend so viel Wasser einkneten, bis ein geschmeidiger Teig entsteht.
  3. Die Kugeln mit dem Teig umhüllen und in heißem Öl schwimmend herausbacken.
  4. Die noch warmen Knödel in einer Mischung aus Zimt und Zucker wälzen und am besten sofort servieren.

Wir wünschen guten Appetit!

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Autorin: Ylva Schwinghammer

 

Quellen:

Admonter Bartholomäus: Tesch, Anna M.: Der „Admonter Bartholomäus“ (Cod. 329): Teiledition mit elektronischer Basistransliteration und ‚dynamisch’ abgeleiteter Lesefassung. Graz, Dipl.-Arb. 2007.)

Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland. Auf der Grundlage der Arbeit des von Gundolf Keil geleiteten Teilprojekts des SFB 226 ‚Wissensvermittelnde und wissensorganisierende Literatur im Mittelalter‘ zum Druck gebracht, eingeleitet und kommentiert von Ortrun Riha. Wiesbaden: Reichert 2014. (=Wissensliteratur im Mittelalter. 50.)

Ebn Baithar: Grosse Zusammenstellung über die Kräfte der bekannten einfachen Heil- und Nahrungsmittel. Aus dem Arabischen übersetzt von Joseph Sontheimer. Bd. 1: Stuttgart: Hallberg 1840; Bd. 2: Stuttgart: Hallberg 1842.

Konrad von Megenberg: Das Buch der Natur. Die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache. Hrsg. von Franz Pfeiffer. Stuttgart: Aue 1861.

Schulz, Anne: Essen und Trinken im Mittelalter (1000-1300). Literarische, kunsthistorische und archäologische Quellen. Berlin, Boston: de Gruyter 2011. (=Ergänzungsbände zum Reallexikon der germanischen Altertumskunde. 74.)

Tacuinum Sanitatis: Das Buch vom gesunden Leben. Die Gesundheitstabellen des Ibn Butlan in der illustrierten deutschen Übertragung des Michael Herr. Nach der bei Hans Schott erschienen Ausgabe Straßburg 1533. Hrsg. von Hans Zotter. Graz: ADEVA 1988.

Zotter, Hans: UBG Ms. 1609: Grazer Hausbuch. Transkription des Kochbuches fol. 11r‐86v. URL: http://sosa2.uni-graz.at/sosa/druckschriften/dergedeckteTisch/pdf/ms1609/ms._1609_transkription.pdf

 

 

 


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