Ein Brautessen

Hochzeitsfeierlichkeiten sorgen nicht nur für fröhliche Stimmung, sondern sind auch häufig Hochfeste für unseren Gaumen. Das gilt für mittelalterliche Hochzeiten genauso, wenngleich sich das übliche Prozedere doch deutlich von unserem heute in Mitteleuropa gängigen unterscheidet.

Die übliche Form der Ehe im Mittelalter wird von der Geschichtswissenschaft als „Muntehe“ bezeichnet, weil die Frau dabei von der Munt ihres Vaters (oder eines anderen männlichen Verwandten, sofern der Vater bereits verstorben war) in die Munt ihres Ehemannes wechselte. Unter „Munt“ versteht man sowohl Schutz als auch Herrschaft. Wie sah aber nun die übliche Form dieser Eheschließung aus?

An erster Stelle stand das Werben um die Frau, verbunden mit der Bitte um ihre Hand bei ihrem Vater (petitio). Das Kirchenrecht sah ausschließlich konsensuale Eheschließungen vor, also Heiraten, bei denen beide Ehepartner mit der Verehelichung einverstanden waren. In der Praxis wurde diese Vorschrift wohl nicht immer streng ausgelegt, sodass wir neben Liebesehen auch eine nicht geringe Anzahl von arrangierten Ehen haben, die insbesondere in der adeligen Gesellschaftsklasse zur Vermehrung oder Wahrung des eigenen Besitzstandes dienten. Auf die Werbung folgte die Verlobung (desponsatio), die bereits bindenden Charakter hatte und als eigentliche Eheschließung angesehen werden kann. Im Rahmen der Verlobung wurden auch vermögensrechtliche Belange in Form eines mündlichen oder schriftlichen Vertrags geklärt. So wurde für die Frau beispielsweise das Wittum (dos) festgelegt – eine finanzielle Absicherung für den Fall der Witwenschaft. Nach der Verlobung wurde die Braut ihrem Bräutigam übergeben und von ihm in sein Haus geführt. Nach der nun folgenden Hochzeitsnacht gab es am nächsten Tag den Kirchgang sowie das festliche Hochzeitsmahl, wobei in allen Gesellschaftsschichten die Anzahl der Gäste und die Art und Menge der Speisen eine große Rolle spielte. Der Aufwand, den man für Hochzeiten betrieb, war daher in allen Schichten hoch, wenngleich die Behörden diesen immer wieder einzudämmen versuchten. Eine Luxusordnung der Stadt Berlin von 1335 schreibt beispielsweise Aufwandsbeschränkungen für Hochzeitsfeierlichkeiten in der Stadt vor: Das Festessen solle dementsprechend maximal fünf Gänge umfassen, die Zahl der Teilnehmer/innen wird auf 40 beschränkt.

hochzeit
Eine Hochzeitsgesellschaft (UB Heidelberg, Cpg 152, fol. 123v)

In der höfischen Literatur des Mittelalters sind Feste und festliche Mahlzeiten Paradebeispiele gesellschaftlicher Prachtentfaltung und ideale Möglichkeiten zur zeremoniellen Selbstdarstellung. Sie dienen als Mittel, um Reichtum und gesellschaftliches Ansehen der Protagonisten zur Schau zu stellen. Als beispielhaft kann die Beschreibung des Hochzeitsfests von Eneas und Lavinia am Ende von Heinrichs von Veldeke Eneasroman gelten: Am Beginn der Darstellung wird die große Zahl der Festgäste hervorgehoben: Fürsten, Ritter, Spielleute und Lohnsänger seien aus allen Richtungen herangekommen, um die Heirat und die Krönung von Eneas zum König und Lavinia zur Königin mitzuerleben. Entsprechend weit erstreckten sich Tische und Bänke, an denen eifrig aufgetragen wurde. Heinrich von Veldeke verschweigt uns, was genau verspeist wurde, aber er hält fest: „Man gab allen mehr als genug zu essen und zu trinken. Was immer sich einer hätte ausdenken können und was ihr Herz begehrte, das gab man ihnen im Überfluß.“ (Übersetzung: Dieter Kartschoke 2002). Nach dem Essen begannen „Spiel und Lied, Turnier und Trubel, Pfeifenspiel und Tanz“ und der neu gekrönte Eneas erweist sich als freigiebiger Herrscher, der alle Anwesenden reich beschenkt und im Gegenzug auch von seinen Gästen beschenkt wird. Einen ganzen Monat sollen die Festlichkeiten gedauert haben. Kein Fest, so Veldeke weiter, sei je so groß gewesen wie das Hochzeitsfest des Eneas, mit Ausnahme des Mainzer Hoffestes Kaiser Friedrichs (1184), das das ganze Mittelalter hindurch als Inbegriff eines gigantischen, höfischen Festes erinnert wurde.

Doch auch im historischen Bereich finden wir geradezu sagenhaften Prunk: Für die Hochzeit des Kurfürsten Philipp von der Pfalz mit Herzogin Margarethe von Bayern-Landshut (1474) wurden bei den Ämtern der Oberpfalz bestellt: 11.000 Hühner, 200 Kapaune, 400 Schweine, 1.045 Kälber, 50 Frischlinge, 30 Kühe, 50 Ochsen, 26.200 Eier, 80 Zentner Butter, 5 Zentner Mandeln, 13 Körbe Feigen, 3 Zentner Rosinen, 60 Pfund Senfmehl und zahlreiche Gewürze sowie Unmengen an Hering, Stockfisch, Wildbret und Speck. Gerhard Fouquet, der diese Aufstellung zitiert, weist jedoch darauf hin, dass hinter diesen „Fleischbergen“ und den dazugehörigen „Weinseen“ nicht unbedingt Fresslust als Motiv auszumachen sei, sondern vielmehr das Bemühen um vorbildliche Gastgeberschaft. Ein guter Gastgeber bot seinen Gästen nämlich immer mehr Speisen an, als sie überhaupt konsumieren konnten und animierte ständig zum Essen. Bei einer entsprechenden Anzahl von Hochzeitsgästen, die bei einer fürstlichen Eheschließung zu erwarten war, kann die Bestellmenge dann entsprechend hoch sein.

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Zum Schlemmen – damals wie heute – lädt ein „Brautgericht“ ein, das in der Grazer hauswirtschaftlich-medizinischen Sammlung (UBG, Ms. 1609) überliefert ist und von Schülerinnen und Schülern der NMS Vorau und der NMS Wildon unter Anleitung von Germanistikstudierenden der Universität Graz zubereitet wurde. Das Rezept lautet im Originalwortlaut folgendermaßen:

ITem von ainem hals pandt:
Mach ein prayecz plat von taig – vnd den taig soltu mit wein ab machen vnd nicht mit airen – vnd mach ein guette fuell mit oepfhel vnd mit weinper vnd prenn das mit einem honig ab vnd geburcz es mit pheffer, ingber. Vnd leg dye ful nach einem czirckell vmb hin, als weit, das es vmb ein choph gee, vnd schneidt in das platt mitten ein chlains loechel vnd czwech es mitten veber die fuell vnd sneid das mit einem chrapfen eyssen, lawbe vnd chlepletter, vnd leg es seiberlich in ain phann. Vnd mach ein smalcz hais in ainer anderen phann vnd gews es also hais auff das halspandt in dye andern phann vnd las es pachen. Vnd wan es gepachen ist, so gews das smalcz wider ab, das es er chalt vnd nym es dan aus der phann. Das soltu vergolten, das es ein halspand geleich seye. Das gibstw woll hin fuer einer prawett esssen etc.

Gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern wurde das Rezept ins Neuhochdeutsche übersetzt:

Ebenso für ein Halsband:
Mach ein breites Blatt aus Teig – diesen Teig sollst du mit Wein abmachen und nicht mit Eiern – und mach eine gute Füllung aus Äpfeln und Rosinen und brenne die mit Honig ab und würze sie mit Pfeffer und Ingwer. Lege die Fülle in einem Kreis (auf das Teigblatt) so weit, dass es um einen Kopf geht und schneide in die Mitte ein kleines Loch und ziehe den Teig über die Fülle und schneide daraus (aus dem restlichen Teig) mit einem Teigrad Laub und Kleeblätter und lege es säuberlich in eine Pfanne. Und mach Schmalz heiß in einer anderen Pfanne und gieße es noch heiß auf das Halsband in die andere Pfanne und lass es backen. Und wenn es gebacken ist, so gieße das Schmalz wieder ab, damit es abkühlt und nimm es dann aus der Pfanne. Das sollst du dann vergolden, sodass es einem Halsband gleichsieht.
Das gibst du wohl hin für ein Brautessen.

Das Brautgericht zählt – darauf deutet der Titel bereits hin – zu den Festgerichten des Mittelalters, obwohl für seine Zubereitung – mit Ausnahme des Schmalzes – keine tierischen Zutaten verwendet werden. Das Vergolden oder Versilbern von Speisen, wie es in diesem Rezept empfohlen wird, finden wir öfters bei Rezepten zu (hochadeligen) Festessen. Dabei wurde die Speise in der Regel mit Honigwasser eingepinselt, worauf Blattgold gelegt wurde, welches mit einem Wolllappen festgetupft wurde. In der „Küchenmeisterei“ von 1490 wird dieser Prozess folgendermaßen beschrieben: „Mach ein klein honigwasser, bestreich die metal da mit vnd scheuß das gold odrr silber darauf als naß vnd druck es mit baumwollen zu wo es nit gleich leit. Du magst leckuchen odrr ander sach also verguelden sunst thaug kein ander assit zu essenden dingen.“ (Mach ein wenig Honigwasser, bestreiche das Metall damit und schieße das Gold oder Silber darauf, solang es nass ist, und drücke es mit Baumwolle fest, wo es nicht eben anliegt. Du kannst Lebkuchen oder andere Dinge so vergolden, ansonsten taugt keine andere Grundlage zu Dingen, die gegessen werden sollen.)

In mittelalterlichen Rezepten fehlen häufig Mengenangaben oder Hinweise zur Zubereitungszeit. Unsere Schülerinnen und Schüler haben nach einigem Tüfteln folgendes Rezept für die moderne Umsetzung entworfen:

Zutaten (für 4 große bzw. 6 kleinere Halsbänder):

Für den Teig:

  • 750g Mehl
  • 350g Butter
  • 150ml Weißwein
  • 100g Zucker

Für die Fülle:

  • 2kg Äpfel
  • 200g Rosinen
  • Honig
  • Zimt
  • Pfeffer
  • Ingwer
  • Nelkenpulver

Zubereitung:

  1. Mehl, Wein und Butter (oder Schmalz) und eine Prise Zucker in eine Schüssel geben und zu einem festen Teig verkneten.
  2. Für die Fülle die Äpfel schälen, entkernen und in kleine Stücke schneiden.
  3. Anschließend die Äpfel mit den Rosinen und dem Honig in einen Topf geben und erhitzen bis die Äpfel weich sind.
  4. Mit Ingwer, ein wenig Pfeffer, Zimt und Nelkenpulver würzen.
  5. In etwa 7/8 des Teigs in 4 Portionen teilen, dünn ausrollen und die Fülle gleichmäßig darauf verteilen.
  6. Danach den Teig einrollen und daraus ein Halsband in der Größe, dass ein Kopf durchpassen würde, formen.
  7. Aus dem restlichen Teig Laub, Kleeblätter oder Blumen formen und damit das Halsband verzieren.
  8. Die Halsbänder mit verquirltem Ei bestreichen und bei 200°C im Ofen backen bis es goldbraun ist. (Bei Umluft ca. 15-20min. backen).

Das Brautgericht kann man warm oder kalt genießen. Wenn man auf den Alkohol lieber verzichten möchte, kann man ihn durch Milch oder Wasser ersetzen. Vor dem Anrichten kann man das Halsband noch mit Zimt und Zucker bestreuen.

 

 

Verwendete Literatur

  • Ehlert, Trude: Doch so fülle dich nicht satt! Gesundheitslehre und Hochzeitsmahl in Wittenwilers ‚Ring‘. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 109 (1990), H. 1, S. 68-85.
  • Fouquet, Gerhard: Goldene Speisen in den Maien. Das Kochbuch des Augsburger Zunftbürgermeisters Ulrich Schwarz (+ 1478). St. Katharinen: Scriptae Mercaturae 2000. (= Sachüberlieferung und Geschichte. Siegener Abhandlungen zur Entwicklung der materiellen Kultur. 30.)
  • Goetz, Hans-Werner: Leben im Mittelalter vom 7. bis zum 13. Jahrhundert. München: Beck 1986.
  • Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Neuhochdeutsche übersetzt, mit einem Stellenkommentar und einem Nachwort von Dieter Kartschoke. Stuttgart: Reclam 2002.
  • Hundsbichler, Helmut: Nahrung. In: Alltag im Spätmittelalter. Hrsg. von Harry Kühnel. Graz, Wien, Köln: Styria – Edition Kaleidoskop 1984, S. 196-231.
  • [N.N.] Küchenmeisterei. Nürnberg: Peter Wagner 1490. (GW 16470).
  • Lemmer, Manfred: So wirt es gut und wolgeschmack. Alte deutsche Kochrezepte um 1350-1600. Hrsg., übersetzt und kommentiert von Manfred Lemmer. Leipzig: Mitteldeutscher Verlag 1991.
  • Rohr, Christian: Festkultur des Mittelalters. Graz: ADEVA 2002.

Autor: Wolfgang Holanik

 


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